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Snapchat: Hype oder Zukunft?

Wie entwickelt sich Snapchat? Das ist die grosse Frage, die niemand so recht zu beantworten weiss – nicht mal CEO Evan Spiegel, so scheint es. Doch weshalb ist Snapchat so beliebt bei jungen Menschen?

Snapchat Andi Wullschleger Andreas

Zugegeben: ich benutze Snapchat nur sporadisch. Und wenn, dann nur, um lustige Snaps meinen Freunden zu schicken. Dies macht eine Weile Spass, dann verliert das Ganze etwas den Glanz. Das war bei mir auf jeden Fall so. Doch was ist Snapchat genau? Es ist eine Messaging-App, welche die Nachrichten nur für eine limitierte Zeit (24 Stunden) verfügbar macht. Meist werden Selfies ausgetauscht und ein peppiger Filter darauf angewendet. Diese Selfies schickt man dann seinen Freunden, welche natürlich wiederum mit einem bearbeiteten Selfie antworten.

Nun ist das ja noch nichts aussergewöhnliches. Ob es reicht, um auch in den nächsten paar Jahren zu bestehen? Ich bezweifle es. Was die Firma (eigentlich heisst sie Snap Inc.) noch alles anbieten wird, kann man nicht voraussagen – auch nicht vermuten. Denn ihr CEO Evan Spiegel – so hat man das Gefühl – ist sich nicht so ganz sicher, wohin er sein Schiff lenken soll. Anfangs 2017 meinte er, Snap sei ein Kamera-Unternehmen. Das löste bei vielen Experten Rätselraten aus, denn wenn Snap ein Kamera-Unternehmen wäre, würde es ja Kameras produzieren. Tut es aber nicht. Naja, das ist fast richtig, weil Snap Sonnenbrillen verkauft, die eine Kamera eingebaut haben. Also war das ein Hinweis auf künftige Strategien? Da der Kameramarkt (Nikon, Canon, GoPro, etc.) ein extrem hart umkämpftes Gebiet ist, ist das wohl (in naher Zukunft) nicht die Lösung. Auch sind die Snap-Sonnenbrillen, genannt Spectacles, zum Ladenhüter geworden. Die Frage bleibt also: wie verdient Snapchat in Zukunft sein Geld?

Weitere Antworten erhoffte man sich, als die Firma an die Wallstreet ging. Anfangs März 2017 veräusserte Snap Inc. Aktien. Der IPO-Preis lag bei 17 Dollar, die Aktie schloss mit einem Plus von 44% . Das kalifornische Unternehmen war am Ende des Tages rund 30 Milliarden Dollar wert. Ein Unternehmen, das ein Jahr zuvor mit einem Jahresumsatz von 404 Millionen und einem Verlust 515 Millionen Dollar zu kämpfen hatte. Da musste also was dran sein? Einen Monat später lagen die Papiere mit rund 8% im Minus. Und auch neun Monate nach dem Börsengang fällt die Aktie weiter (sogar unter den Veräusserungspreis) und der Verlust wächst.

Der anfängliche Hype ist aus meiner Sicht einfach zu erklären: Nach Facebook und Twitter gab es an der US-Börse kein so grosses Tech-Unternehmen mehr, dass sich kotieren liess. Wer die ersten beiden IPOs verpasst hat, wollte nun auch mitdabei sein. Ausserdem äusserten sich User und Social-Media-Experten hauptsächlich positiv zum Börsengang. Der US-Amerikanische Finanzsender CNBC lud am Tag des IPO eine junge Frau ein, die sich mit solchen neuen Plattformen auskennen muss: eine Influencerin. Wie verdient Snapchat sein Geld? Wieso ist Snapchat so beliebt bei den jungen? Was macht das Unternehmen in Zukunft so attraktiv? Die Frau verwirrte die Expertenrunde mehr, als dass sie Klarheit schaffte.



Um nun auf den Punkt zu kommen: Snapchat verdient – wie auch andere Social-Media-Plattformen – mit Werbung Geld. Snapchats Hauptzielgruppe sind 13 bis 34 Jährige, wobei der Median wohl eher bei 13 als bei 34 liegt. Mit dieser sehr jungen Usergruppe hat das Unternehmen die Möglichkeit, allein in den USA 41% dieser Altersklasse zu erreichen. Als Facebook-Rivalin bietet die Firma damit eine geeignete Plattform für Werbetreibende, die junge Menschen ansprechen wollen. Das Problem von Snap: während Facebook demografisch zielgenaue Werbung anbieten kann, muss sich Snap im Vergleich auf rudimentäre Distribution beschränken. Denn Facebook weiss weit mehr über seine User als Snapchat. Trotzdem bietet Snapchat neue und sicherlich interessante Werbeformen an, auf die ich in einem separaten Blogpost eingehe. Einige Features sind zum Beispiel die Filter, welche als Unternehmen gekauft und personalisiert werden können. Also, wenn ich zum Zmittag in den Sternengrill am Zürcher Bellevue gehe und mir eine Wurst kaufe, könnte der Sternengrill einen eigenen Snapchat-Filter anbieten, den ich dann mit meinen Freunden teilen könnte; ein Selfie mit mir und meiner Wurst und einem Filter mit dem Sternengrill-Logo.

Fazit

 

Snap ist noch weit davon entfernt, ein profitables Unternehmen zu sein. Für mich war nicht nur der hohe Aktienpreis überbewertet, sondern der Börsengang überhaupt. Nur schon wenn wir Snap und Facebook vergleichen, sind da Welten dazwischen. Facebook ist nicht nur eine Social-Media-Plattform, sondern einer der grössten Databroker (Vermittler von Daten). Aber das Unternehmen investiert auch kräftig in andere Projekte, wie etwa die Virtual-Reality-Firma Ocolus. Snap hingegen muss sich zuerst noch finden und seinen eigenen Weg gehen. Ich bezweifle, dass es die US-Firma schafft, nicht zuletzt wegen ihrer Führung. Aber es bleibt abzuwarten. Unmöglich ist nichts.

Snap-Aktie Ende November 2017 (blau). Im Vergleich: Nasdaq (rosa)